Das Jesus-Evangelium
– eine Diagnose –
Das Jesus-Evangelium ist kein kürzlich entdecktes Schriftstück, das von der zentralen Person des Christentums, dem galiläischen Wanderprediger und Propheten (Mk 6,4; Lk 13,33; 24,19) Jesus selbst verfasst worden wäre. Soweit bekannt, gibt es so eine Schrift nicht, zumindest ist sie weder überliefert noch bisher gefunden worden – was nebenbei bemerkenswert ist, weil doch einige der großen Propheten Israels eigene Schriften hinterlassen haben.
Hier wird unter Jesus-Evangelium die sowohl über Jesus als auch die darin enthaltene von Jesus verkündete Botschaft verstanden, wie sie in Variationen von verschiedenen Autoren aufgeschrieben und in der als Neues Testament bekannten Textsammlung enthalten ist.
Von dieser Botschaft heißt es, sie sei für jeden Menschen von geradezu existenzieller Bedeutung, weil der Glaube an ihre Richtigkeit und ihre Akzeptanz über das zukünftige Leben entscheiden würden. Zwar ist Glaube im weitesten Sinn, vom Für-wahr-Halten im Alltäglichen über Vertrauen zu anderen Menschen bis zur Weltdeutung, in uns angelegt, hat sich aber ohne die Kontrolle durch Vernunft und Verstand zu oft als Dummheit und falsch erwiesen.
Als einer von Milliarden Adressaten des Jesus-Evangeliums habe ich es dieser Kontrolle unterzogen, es auf seine Glaubwürdigkeit überprüft. Dazu hat es mir nicht gereicht, in den evangelischen Schriften Wahrheiten zu finden wie die Erwähnung nachweislich historischer Personen (Herodes, Augustus, Pilatus u.a.), zur Glaubwürdigkeit gehören auch und vor allem die Wahrscheinlichkeit und logische Stimmigkeit der wesentlichen evangelischen Aussagen (Gottessohnschaft, Jungfrauengeburt, Sündenübernahme, Auferstehung, Himmelfahrt). Nach sporadischem, aber über viele Jahre verteiltem „Privatstudium“ bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei dem Jesus-Evangelium, wenn nicht um Mythos, Sage oder Legende, dann um eine ganz und gar, durch und durch absurde Erzählung und den vielleicht folgenreichsten Betrugsfall der Menschheitsgeschichte handelt.
Vom Leser dieser Zeilen wird kein Glaube an die genannte Schlussfolgerung erwartet, schon gar nicht – eventuell noch unter Androhung schlimmster Strafen – verlangt. Letzteres nicht nur aus gänzlichem Mangel an Macht, sondern aus Überzeugung und intellektuellem Anstand. Statt zu glauben, ist jeder eingeladen, sich mit Skepsis und Nach- und Mitdenken durch die Texte der folgenden Kapitel und pages dieser Webseite zu lesen und die nicht gerade spärlichen Argumente zu prüfen.
Diese Webseite wurde im Herbst 2020 veröffentlicht, in einem Jahr, das als das erste der Corona-Pandemie in die Geschichte eingehen wird. Die mit derartigen Ereignissen, die Gesundheit und Weiterleben bedrohen, verbundenen Sorgen und Ängste haben sich immer wieder als der ideale Nährboden für menschlichen Irrationalismus, für den Glauben an Götter, Teufel, Engel, Dämonen und Hexen sowie an geheime politische Mächte erwiesen. So fehlt es auch diesmal von christlicher Seite nicht an Versuchen, die Pandemie als Folge des Ungehorsams, ursprünglich sogar des Ungehorsams nur zweier Menschen vor sechstausend Jahren, gegenüber Gott zu begründen und die Rettung in einem neuen, künftigen und jenseitigen Reich zu versprechen.
Etwa zur selben Zeit der Veröffentlichung dieser Webseite wurde der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika abgewählt. Ein Mann, der große Schwierigkeiten damit hatte und hat, Fakten anzuerkennen, besonders solche, die ihm nicht gefallen, und der öffentlich so viel gelogen hat, wie vermutlich kein US-Präsident zuvor. Wir haben es bei ihm und vielen seiner Anhänger mit der absoluten Priorität des Wunschdenkens vor der Anerkennung von Realitäten zu tun. Diese Priorität finden wir auch bei der Auslegung der Bibel durch viele ihrer Gläubigen. Wie es heißt, gehör(t)en die meisten fundamentalen Christen zu den eifrigsten Unterstützern Donald Trumps, etwa 80% der amerikanischen Evangelikalen sollen 2016 und 2020 für ihn gestimmt haben. Das dürfte kein Zufall sein. Gleich und gleich gesellt sich gern.
Wer sich mit dem Thema Jesus-Evangelium schon eingehender befasst hat, wird hier kaum Neues erfahren. Kritik an Bibel und Christentum gibt es schon seit der Antike, verstärkt seit dem 17. Jahrhundert. Warum also das Ergebnis privater Studien öffentlich machen? Nun, wegen der vorgenannten Gründe, wegen des immer wieder aufflammenden Irrationalismus, des Wunschdenkens, der Realitätsverweigerung. Und weil die apologetische Seite unermüdlich publiziert, missioniert und „evangelisiert“, gilt es dagegenzuhalten. Da kann es nicht genug Webseiten wie diese geben.
Ich habe die Untersuchung des Themas Jesus-Evangelium überwiegend zwei fiktiven Personen übertragen, dem neutralen Nikodemos und dem kritischen Horatio, und mich bei der Gestaltung und Wahl der literarischen Formen an Vorbildern der letzten zweieinhalb Jahrtausende orientiert – was (auch) eine Art von Religion ist.